Warum wir alle Feministen sein sollten

Warum wir alle Feministen sein sollten

Ich kenne so viele starke und unabhängige Frauen, Frauen die ihr Leben selbstbestimmt und nach ihren Vorstellungen gestalten, frei von klassischen Rollenbildern, gesellschaftlichen Erwartungen und unabhängig von jedem Mann – und trotzdem möchten sich diese Frauen nicht als Feministin bezeichnen. Der Begriff klingt zu laut, zu aggressiv, zu wütend. Diese Debatte sei ausgelutscht, zu viel sei darüber geredet worden. 
Und während ich auf der einen Seite sehr viel Respekt für den Lebensweg dieser Frauen habe, enttäuscht mich ihre Einstellung zum Feminismus. Frauen durften früher kein Bankkonto auf ihren Namen haben, ohne Genehmigung des Mannes nicht die Pille nehmen und bis Ende der 90er war eine Vergewaltigung in der Ehe nicht mal strafbar. All diese „Errungenschaften“ haben wir den lauten, aggressiven, wütendenen Feministinnen zu verdanken. Machen wir es uns also nicht etwas zu bequem, wenn wir die Ergebnisse ihres Protests wie selbstverständlich annehmen, aber ihre Art als unpassend abtun? 

Feministin zu sein, bedeutet nicht gegen Männer zu sein.

Ich höre oft das Argument, Feminismus richte sich zu sehr gegen Männer. Dem kann ich nur widersprechen. Männer hatten lange die Vormachtstellung. Das Patriarchat bezeichnet eine Gesellschaft, in der Normen von Männern geprägt und kontrolliert werden – es ist quasi die Herrschaft des Mannes. Der Feminismus hingegen möchte keinen Wandel zur Herrschaft der Frau, sondern eine Gesellschaft auf Augenhöhe. Gleiche Rechte (und Pflichten) für Frauen UND Männer.  
Im Grunde kann man fast sagen, dass der Feminismus Männer sogar befreit von der toxischen Maskulinität und dem Zwang, alles unter Kontrolle haben zu müssen. Männer können Verantwortung abgeben, sie können Gefühle zeigen, Ängste äußern, sich freier verhalten und nicht das Gerüst aufrechterhalten, alles zwanghaft unter Kontrolle zu haben.
Dabei geht es nicht darum, dass Frauen nun die Kontrolle übernehmen, sondern vielmehr darum, dass diese geteilt wird.  Es geht nicht darum, Männern etwas weg zu nehmen, es geht darum, Frauen etwas zu geben, was Ihnen lange vorenthalten wurde. 

Feminismus ist keine Rosinenpickerei

Das Rollenbild, dass die Frau als Mutter und Hausfrau und den Mann als starken, alles unter Kontrolle habenden Ernährer sieht, ist veraltet. Dennoch spüren wir in vielen Lebensentscheidungen immer wieder dieses Gedankengut. Annalena Baerbock beispielsweise muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie als Mutter überhaupt Kanzlerin werden kann. Ich kann mich an keinen männlichen Kanlzerkandidaten erinnern, der sich zu solchen Vorwürfen rechtfertigen musste. Wieso? Weil in der Gesellschaft immer noch das Rollenbild verankert ist, welches eine Frau als Mutter und Hausfrau sieht und nicht als erfolgreiche Powerfrau. Das gilt nicht nur für die Politik. Frauen müssen sich permanent für ihren Lebensweg rechtfertigen. Mit Anfang 30 wird es langsam mal Zeit, endlich Kinder zu kriegen. Und wehe dem, eine Frau entscheidet sich bewusst gegen Kinder. Kind und Karriere? Eine Rabenmutter, die ihr Kind vernachlässigt. Der Mann wird dabei selten in die Pflicht genommen. Im Gegenteil: entscheidet sich ein Mann für Elternzeit, wird dies meist auch belächelt. 

Andererseits sehe ich viele Frauen, die sich ein „call me a feminist“ Shirt anziehen und Frauen belächeln, die sich freiwillig dafür entschieden haben, Hausfrau und Mutter zu werden. Feminismus bedeutet nicht, alle Frauen machen Karriere. Es bedeutet, dass eine Frau die Freiheit hat, ihr Leben selbst zu gestalten, ohne Einschränkungen und Druck durch die Gesellschaft. Es bedeutet, dass eine Frau sehr wohl Hausfrau und Mutter sein kann, wenn es ihre Entscheidung ist und nicht, und das ist der Unterschied, weil es von ihr erwartet wird. Ebenso scheinen viele Frauen immer noch von einem Mann zu erwarten, dass dieser ihren Lebensstil finanziert. Auch wenn wir im Berufsleben oft Benachteiligungen (siehe Gender Pay Gap) erleben, frage ich mich warum so viele Frauen einen Mann suchen, der ihnen Designertaschen schenkt, statt selbst für die Verwirklichung ihrer Träume zu arbeiten. “Gleiche Rechte, aber der Mann zahlt die Rechnung” ist keine mir bekannte Form des Feminismus. Wenn ich mich Feministin nenne, aber andere Frauen für ihren Lebensweg kritisiere oder erwarte, dass ein Mann mich und meine Lebensträume finanzieren muss, beweise ich nur eins – und zwar dass ich den Feminismus nicht verstehe. So wie ich gleiche Rechte und Chancen für mich erwarte, muss ich diese auch anderen Frauen einräumen.

Wieso wir alle Feministen sein sollten

Wieso berauben wir uns so viele Freiheiten, durch Rollenbilder von denen wir eigentlich wissen, dass sie veraltet sind? Und eine Bewegung, die sich dagegen zur Wehr setzt, ist zu laut, zu aggressiv? Feminismus ist keine Rosinenpickerei – ich kann nicht Erwartungen an einen Wandel haben, aber an der Bewegung nicht teilhaben wollen. Wir haben die Möglichkeit diesen Wandel mitzubestimmen. In dem wir uns zu dem Feminismus, zu der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau bekennen. Ich bin nicht aggressiv, wenn ich auf Ungerechtigkeit aufmerksam mache und ich bin auch nicht aggressiv, wenn ich Missstände nicht länger hinnehme. 

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