Brauchen wir den Weltfrauentag noch?

Brauchen wir den Weltfrauentag noch?

Gender Pay Gap, fehlende Chancengleichheit, Gewalt an Frauen, sexuelle Belästigung und Diskriminierung – der Weltfrauentag hat sich zum Ziel gesetzt, die Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen in den Fokus zu rücken und idealerweise durch das alleinige fokussieren auch gleich noch zu beheben. Ein, da sind wir uns sicher einig, sehr ehrenwertes Ziel.
Aber lässt sich eine Ungleichheit, die strukturell und kulturell so tief verwachsen ist, einfach auflösen? Ist der Weltfrauentag nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Lenken all die schönen Bilder von starken Frauen, Blumen und Pralinen nicht vielleicht sogar von der Problematik ab?

Seinen Ursprung findet der Weltfrauentag in einer sozialistischen Initiative aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg, welche sich für Gleichberechtigung, die Emanzipation von Arbeiterinnen, sowie das Wahlrecht für Frauen einsetzte. Das wir Frauen heute wählen gehen, Karriere machen, studieren oder aktiv in der Politik sind, erscheint uns selbstverständlich – tatsächlich war es jedoch ein langer Weg bis hierhin. Und trotz vieler Errungenschaften der Feminismus Bewegung, sind wir noch lange nicht am Ziel.
Gerade in Zeiten von Corona sind es vor Allem Frauen, die den Spagat zwischen Homeschooling, Kinderbetreuung und Arbeit schaffen müssen. Die traditionellen Rollenbilder erscheinen uns näher denn je.

Wir wollen keine Pralinen, wir wollen Gleichberechtigung

Ein Blick auf Social Media zeigt, die eigentliche Bedeutung des Weltfrauentags scheint vielen nicht bekannt. Es wird sich beschwert, dass Frauen ja schon Karriere machen, die Frauenquote haben und Ehemänner jetzt nicht nur zum Muttertag Blumen und Pralinen kaufen müssen, sondern nun auch noch zum Weltfrauentag. Dabei wollen wir keine Pralinen, wir wollen auch keine Blumen – wir wollen Gleichberechtigung. Und auch wenn Dank dem unermüdlichen Kampf vieler starker Frauen in den letzten Jahrzehnten viel erreicht wurde, sind wir noch lange nicht am Ziel. Denn auch wenn wir immer mehr Frauen in Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft sehen – echte Chancengleichheit für Frauen haben wir noch nicht erreicht. Der Sender-Pay-Gap hat sich in den letzten Jahren kaum verändert und liegt immer noch bei 19% – für jeden Euro, den ein Mann verdient, bekommt eine Frau also nur 81 Cent.
Wir kaufen uns Blumen und Pralinen gerne selbst, wenn wir denn auch endlich das gleiche Gehalt für gleiche Arbeit erhalten.

Auch veraltete Rollenbilder sind oft noch präsenter, als man denken könnte. Wir nennen sie zwar veraltet, weil wir doch eigentlich wissen, wie verstaubt sie sind. Dennoch wird eine Frau immer wieder mit gesellschaftlichen Erwartungshaltungen konfrontiert. Es scheint, als müssten wir Frauen uns regelmäßig für unseren Lebensentwurf rechtfertigen. Und das übrigens nicht nur vor Männern – auch Frauen scheinen sich untereinander immer wieder für individuelle Lebenskonzepte zu kritisieren. Dabei geht es bei Feminismus doch genau darum – dass ich als Frau das Recht und die Freiheit habe, mein Leben selbst zu gestalten, ohne gesellschaftliche Erwartungshaltung und Druck von außen. Ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen, mit Anfang 30 noch keine Familie zu haben oder Kind und Karriere vereinen zu wollen. Ohnehin wird der Ausdruck Rabenmutter viel häufiger verwendet als der Begriff Rabenvater – aber ist Familie nicht genauso Verantwortung des Mannes? Und entlastet eine Frau, die sich entscheidet zu arbeiten nicht auch die Familie und nimmt den Mann die Last, alleine für die Versorgung der Familie verantwortlich zu sein? Genau so gilt es übrigens Respekt zu haben, für die bewusste Entscheidung einer Frau, sich vollends Familie und Heim zu widmen und dafür eine berufliche Karriere aufgibt. Denn Selbstverwirklichung ist doch sehr individuell und jeder, ob Mann oder Frau, sollte die Freiheit besitzen, sein eigenes Lebenskonzept selbst zu entwerfen. Eine Gesellschaft die Gleichberechtigung lebt, stellt keine Norm auf für das ideale Lebenskonzept sondern macht Raum für Individualität und Selbstgestaltung.

Brauchen wir den Weltfrauentag noch?

Der Weltfrauentag wird sicherlich nicht innerhalb von 24 Stunden alle tief verankerten Probleme unserer Gesellschaft lösen. Aber er ist gut und er ist wichtig, wenn wir den Tag nutzen um uns Gehör zu verschaffen – um klar zu machen, dass es nicht um Blumen und Pralinen geht, sondern um etwas grundlegendes. Es geht um Wertschätzung, gleiche Chance, Freiheit und Respekt. Und keinesfalls geht es darum, den Mann zu verdrängen oder Macht über den Mann zu haben – es geht darum, Macht über sich selbst, als freier und selbstbestimmter Mensch zu haben und um ein Miteinander auf Augenhöhe.

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